Blek Le Rat!
Nächte in der Stadt können einsam sein und beängstigend. Von Zeit zu Zeit streunt ein Hund vorbei, oder man sieht einen Polizisten, der unter dem Licht einer Laterne an einer Straßenecke steht und eine Zigarette raucht. Szenen, die anmuten wie aus einem film noir, bei dem der Zuschauer bangend darauf wartet, was als Nächstes passiert.
In den Schatten sammeln sich Obdachlose, gesellschaftliche Randexistenzen oder flink umherhuschende Ratten. Aber dann, unerwartet, taucht eine andere Gestalt auf: Um ein Uhr morgens schleicht ein Mann, dessen Gesicht eine Kapuze verbirgt, auf eine frischgestrichene Wand zu. Mit dem Geschick eines routinierten Sprayers sprüht er Farbe auf die Mauer.
Der Mann unter der Kapuze ist kein junger Schmierfink, der hier seine wirren Zeichen anbringt. Im Gegenteil, hier werkelt ein alternder Philosoph, der mit seinen Bildern eine Geschichte erzählt. Und wenn dann der Morgen heraufzieht, können Passanten sein Werk bewundern und seine politisch oder sozial motivierten Statements „lesen". Der Mann ist Blek le Rat.
Die Anfänge des Graffiti
1954 begann gerade der Krieg zwischen Frankreich und Algerien, und Xavier Prou war ein kleiner Junge, der mit seiner Familie an der Seine in Paris lebte. Sein Vater war Architekt, die Mutter Tochter des französischen Konsuls in Thailand. Prous Vater zog in den Krieg, genau wie sein Vater bereits zehn Jahre zuvor in den Zweiten Weltkrieg gezogen war, und dessen Vater wiederum in den Ersten.
Als Prou dann alt genug war, um zu begreifen, was um ihn herum vor sich ging, sah er vor allem die Kämpfe, die politischen Verwicklungen und die sozialen Probleme. Aber eine seiner frühesten Erinnerungen, im Alter von sieben, sind die graffitibedeckten Wände seiner Stadt.
„Damals gab es nur politische Graffiti", erzählt Prou. „Ein Großteil der Graffiti war mit Pinseln gemalt - ‚Französisch Algerien' malten diejenigen, die wollten, dass Algerien zu Frankreich gehörte, und wer gegen den Krieg war, schrieb: ‚Algerien den Algeriern'."
Prou begann ein Kunststudium an der École des Beaux Arts in Paris. Hier diskutierte er mit anderen Studenten über die Themen, die junge Künstler interessierten. Sie alle suchten Galerien oder versuchten, Sammler zu finden, an die sie ihre Arbeiten verkaufen könnten. Bald schon stellten sie fest, dass es ohne Verbindungen unmöglich war, ihre Arbeiten auszustellen.
Erst als Prou nach New York kam, fand er eine Alternative zu Galerien und Sammlern, indem er seine Bilder öffentlich in Form von Graffiti zeigte. Er kehrte nach Paris zurück und entwickelte seine eigene Art der Graffitimalerei: Er fertigte Schablonen an, mit denen er das gleiche Motiv an verschiedenen Plätzen in der Stadt anbringen konnte. Zu seinem bevorzugten Sujet wurden die Ratten, „weil Ratten die einzigen wilden Tiere in den Städten sind und nur sie die menschliche Rasse überleben werden."
In einem Artikel für den britischen Independent beschrieb Prou seine Ratten einmal als „den Schatten einer Ratte, nicht die echte Kreatur" und erklärt: „Ich platziere sie so, dass sie aussehen, als ob sie dabei wären, die Stadt zu erobern. Für mich ist dieser Gedanke fast zur Besessenheit geworden. Es geht hier um Aufstand, ein Zeichen der Rebellion. Dies ist unsere Revolution."
Zu jener Zeit legte sich Prou auch seinen Künstlernamen zu: Blek le Rat, inspiriert vom französischen 50er-Jahre-Comic Blek le Roc. Die Bildergeschichten zeigten die Abenteuer des amerikanischen Trappers Blek, der zu Zeiten der amerikanischen Revolution eine Truppe in den Kampf gegen die unterdrückerischen Engländer führte. Prou gefiel die Figur, und mit „Rat" fügte er sein eigenes Markenzeichen hinzu und verwendete die Buchstaben zur Kreation des Anagramms aRt.
Stoppt den Krieg
Auch wenn Prou sich in seinen Arbeiten verschiedenen sozialen und politischen Themen widmet, ist die Existenz von Kriegen doch sein Hauptmotiv.
„Krieg hat mich immer beeinflusst. Ich wurde sechs Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, und schon mein ganzes Leben lang ist mir die Existenz von Kriegen bewusst gewesen. Mir ist es sehr wichtig, den Menschen zu sagen, stoppt den Krieg", erläutert Prou.
Sein erstes politisches Statement war das Bild eines Iren in den 70ern, der englische Soldaten anschreit, die ihre Waffen auf mögliche IRA-Leute richten. Manchmal wird das Motiv für Buster Keaton, Chaplin oder einen Anarchisten gehalten. Prou gefallen diese unterschiedlichen Interpretationen seiner Kunst.
1984, in der kältesten Phase des Kalten Kriegs, hatten die meisten Franzosen große Angst vor einer russischen Invasion. „Ich erinnere mich, dass es unglaublich viel Paranoia in Paris gab", beschreibt Prou jene Zeit.
Als die Franzosen die Stadt in den Sommermonaten in Scharen in Richtung ihrer Urlaubsdomizile verließen, blieb Prou zurück und tobte sich in den leeren Straßen der Stadt aus. Jede Nacht zog er los und bemalte die Wände von Paris und die Pfeiler der Autobahnbrücken, die in die Stadt hineinführten, mit Motiven von russischen Soldaten. Am Ende des Sommers waren es hunderte von Soldaten, verteilt über die ganze Stadt. Die aus dem Urlaub zurückkehrenden Pariser waren schockiert.
„Einige Leute verstanden, dass es ein Scherz war", erzählt Prou. „Aber andere empfanden es als Aggression gegenüber den Franzosen. Das war eine merkwürdige Reaktion. Es wurde sogar ein Film mit Gérard Depardieu gemacht, für den sie die Schablonen filmten und einem der Soldaten einen Riesenschwanz hinmalten."
Genau wie seine Ratten wurden auch die Soldaten zu Schatten, eine ständige Mahnung an die Folgen von Kriegen und ihrer Opfer. Seitdem sind noch zahlreiche andere Soldaten entstanden - GIs, Russen, Bereitschaftspolizisten und andere Uniformträger. Und hier wieder seine zentrale Message: „Schluss mit der Gewalt, stoppt den Krieg."
Wo mein Herz ist, da bin ich zu Hause
Neben seinem Hauptthema Krieg will Prou auch auf die Lage obdachloser Menschen aufmerksam machen.
„Als ich sechs Jahre alt war, hatten wir einen Hund, mit dem wir oft am Fluss spazieren gingen, wo viele Obdachlose lebten. Und ich konnte nicht begreifen, wie jemand immer draußen leben kann, Sommer wie Winter, das ganze Jahr über. Ich war ein naives Kind und gerade dabei, die Welt zu entdecken", erinnert er sich.
Angesichts der Tatsache, dass in Paris zehntausende Menschen auf der Straße leben, entschloss sich Prou, etwas zu unternehmen, um das Bewusstsein der Pariser dafür zu schärfen.
„Wenn man in einer Stadt wohnt, leben Obdachlose überall um einen herum, aber man will sie nicht sehen", erklärt der Künstler seine Motivation. „Man sieht sie auf der Straße liegen, aber man ignoriert sie. Also werde ich sie auf die Straßen malen, um euch das Problem so bewusst zu machen und zu zeigen, dass wir etwas tun können."
2006 schablonierte Prou verschiedene Obdachlose, über ganz Paris, London, New York und Mexiko-Stadt verteilt. Die Reaktionen auf seine Gemälde waren umwerfend, die Einnahmen für einige seiner Londoner Bilder gingen an die dortige Obdachlosengemeinde.
Im Schutz der Schatten
Graffiti galten schon immer als aufrührerische Kunstform. Im Paris der 70er Jahre arbeiteten die wahren Künstler angeblich einsam in ihren Ateliers, litten und tranken viel - so wollte es das Klischee. Laut Prou leben viele Künstler seiner Generation tatsächlich noch heute so. Er erzählt, dass er mit keinem seiner Freunde aus Studententagen heute noch befreundet ist und dass die meisten seine Arbeit als Mist bezeichnen. „Sie halten nur sich selbst für wahre Künstler", so Prou.
Aber die Dinge haben sich verändert in den letzten zehn Jahren. Das sieht auch Prou so. „Wir sind heute an einem Wendepunkt in der Kunst. Man sieht Leute wie Banksy, Damien Hirst und Jeff Koons, die weder malen noch zeichnen. Sie beauftragen andere mit der Verwirklichung ihrer Ideen, die dann das Gemälde oder die Skulptur für sie herstellen. Die produzieren ihre Arbeiten nicht selbst. Bei Künstlern meiner Generation ist das anders. Ich mache das nicht. Ich bin ein Künstler alter Schule; ich mache alles von vorne bis hinten selber." Er gibt jedoch zu, dass seine Frau Sybille, mit der er seit 21 Jahren verheiratet ist, ihm oft dabei hilft, seine Bilder zu schablonieren.
Straßenkunst ist jedoch eine besondere Art der Kunstproduktion, und sie in der Öffentlichkeit zu machen, wo jederzeit ein unerwarteter Kritiker auftauchen kann, kann zu bedrohlichen Situationen führen. „Wenn ich auf der Straße arbeite, bin ich echt paranoid", erzählt Prou. „Ich halte mich immer nur für kurze Zeit an einem Ort auf, weil ich Angst habe, dass mich die Polizei erwischen könnte oder dass mich jemand sieht."
Tatsächlich wurde eine solche Begegnung Prou 1987 in New York zum Verhängnis, als er gegen ein Uhr morgens einen Bürgersteig in der Nähe der Leo Castelli Gallery bemalte. Ein Mann kam auf ihn zu und schlug ihn nieder. 1991 dann erwischte ihn die Polizei dabei, als er eine Nachbildung von Caravaggios Madonna mit Kind schablonierte. Seitdem beschränkt er sich auf das Anbringen von mit der Schablone erstellten Postern, denn diese lassen sich schneller aufkleben und werden auch nicht so streng bestraft wie Graffitimalerei.
Manchmal bekommt er jedoch auch positive Reaktionen. 2005 schablonierte Prou das Porträt von Florence Aubenas, der im Irak entführten französischen Journalistin. Er verteilte über 100 Poster mit ihrem Antlitz überall in Paris und erntete viel Lob. „Ich erinnere mich, dass mich Leute erkannten, ihr Auto anhielten und ausstiegen, um mich zu ermutigen: ‚Blek, es ist toll, was du für diese Frau tust. Das ist echt sehr mutig.'"
„Wenn die Leute verstehen, was ich mache, reagieren sie positiv", erklärt Prou. „Wenn es um ein persönliches oder soziales Problem geht, das die Leute nicht verstehen, reagieren sie manchmal sehr aggressiv oder abweisend. Als ich mich für die Obdachlosen eingesetzt habe, waren die Reaktionen sehr positiv, weil die Leute verstanden haben, was ich da machte."
Seine persönliche Gegenwart
Xavier Prou ist dieses Jahr 60 geworden und denkt jetzt öfter über seine Vergangenheit nach sowie darüber, wie er die ihm verbleibenden Jahre gerne verbringen würde. Er hat außerdem begonnen, an neuen Motiven zu arbeiten, mit denen er jenen Malern Tribut zollt, die ihn künstlerisch beeinflusst haben - von der Renaissance bis zu Zeitgenossen wie Andy Warhol oder David Hockney, den er mit 20 traf.
„Meine letzten Jahre sind angebrochen", stellt Prou fest. „Es ist also wichtig, dass ich eine Erinnerung an die Dinge zurücklasse, die in meinem Leben von Bedeutung waren."
Prou verfolgt mit großem Interesse die Arbeit von Künstlern wie Mark Jenkins, Slinkachu, Shepard Fairey, Pure Evil und Apex. Sogar die Unterschriftenkürzel gefallen ihm, und mit farbigen Pinselstrichen gefüllte Wände erfüllen ihn mit Mut und Trost. Für ihn sind sie „eine echte Reflektion unserer Zeit."
Prou ist künstlerisch noch immer sehr aktiv und hat jetzt auch zahlreiche Ausstellungen in Galerien auf der ganzen Welt. Noch immer sieht man ihn des Nachts, wie er seine Poster auf den Straßen von Paris verteilt. „Ich glaube, die Leute denken nur, da stimmt etwas nicht", sagt er. „Niemand spricht mich je auf mein Alter an. Ich bin überzeugt, die halten mich alle für verrückt."
Wo kann man seine Arbeiten sehen?
Auf den Straßen von Paris, London, New York, Mexiko-Stadt, San Francisco, Los Angeles, Melbourne und vielen anderen Städten.
Ausstellungen in Kürze:
Opera Gallery, Paris
November 2012
Levine Gallery
New York
Oktober 2013




































