72 hours in NEW YORK CITY

Vangardist progressive mens magazine
72 hours in NEW YORK CITY

Eine abenteuerliche Tour durch den Dschungel der Megacity

 
TEXT: Michael Neulinger
FOTOS: Monika Kulig, Magdalena Weyrer

Eine abenteuerliche Tour durch den Dschungel der Megacity, abseits ausgetretener Touristenpfade.

New York ist überwältigend groß, laut und im Sommer riecht es überall nach toten Tieren. Eine Freundin hat es mal sehr treffend beschrieben, als sie sagte: „Immer wenn ich die Augen schließe, höre ich Menschen und Sirenen und Autos und sehe blinkende Lichter, und Gesichter ziehen an mir vorbei. Es ist einfach zu viel.“ Gerade deshalb lieben wir die Stadt. Sie ist bunt und schnell und niemals langweilig. New York eben...

Klar, das Empire State Building, der Times Square und das Flat Iron Building sind sehenswert, vor allem, wenn man zum ersten Mal im Big Apple ist. Aber erst, wenn man die Touristen-trampelpfade verlässt, entdeckt man die wahren Schätze.
Für mich liegen die besten Gegenden für eine Schatzsuche unterhalb von Midtown (was sozusagen No-Man’s Land ist) und oberhalb des Financial Districts. Also genauer gesagt, richtet euer Augenmerk hauptsächlich auf SoHo, NoHo und das East Village – oh, und Brooklyn natürlich. Ja, ich weiß, Carrie, Sam, Miranda und Charlotte würden es nicht wirklich empfehlen, aber die haben unrecht, glaubt mir einfach.
 
Die Basics? Sparen wir uns die Mühe
 
Auch wenn New York den Eindruck von unglaublichem Chaos vermittelt, gibt es doch eine Ordnung, denn jede Gegend ist auf einen bestimmten Zweck ausgerichtet.

Steht eine Shopping-Tour auf dem Plan, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder fährt man nach Uptown, kämpft sich dort durch die Touristenmassen und erkundet auf der 5th Avenue die gigantisch großen Flagship-Stores, oder man schlängelt sich durch die etwas kleineren Touristenhorden in den Läden in SoHo. Der Hauptunterschied: Wählt man die zweite Möglichkeit, sinkt das Risiko, sich völlig zu verschulden, deutlich. Die Haupteinkaufsstraße in SoHo ist der Broadway, gelegen zwischen West Houston und Canal Street.

Sobald euch jedoch jemand „Fendi, Fendi, Prada, Prada, Rolex“ entgegenschreit und auf Papptische zeigt, auf denen sich Taschen und Uhren stapeln, wisst ihr, ihr habt die Canal Street hinter euch gelassen und befindet euch in China Town, der Heimat des Fake. Ich empfehle, niedriger Qualität und niedrigen Preisen zu widerstehen und in SoHo zu bleiben. Hier findet man die großen Läden wie AllSaints (mein persönlicher Liebling), Topshop (hier wimmelt es von progressiven Männern), Club Monaco, Bloomingdale’s (hat sehr hübsche Kundentoiletten), American Eagle, Levi’s, Prada, Uniqlo...

Es gibt natürlich noch mehr als nur den Broadway in SoHo. Zum Beispiel den Apple Store auf der Greene Street, Ash und Philip Lim auf der Mercer Street, den Adidas SLVR Store auf der Wooster Street und Alexander Wang auf der Grand Street. Egal wo ihr shoppt, einen Abstecher zu Patricia Field auf der Bowery müsst ihr auf jeden Fall einplanen. Schon allein wegen der umwerfenden Schaufensterdekoration.

Brooklyn Update: An dieser Stelle noch eine Empfehlung für Liebhaber von Secondhand-Mode, besonders für all jene, denen Flohmärkte nicht zusagen. Nehmt einfach den L-Zug nach Williamsburg zu Beacon’s Closet. Die Damenabteilung ist zwar deutlich größer, aber auch Männer können hier ein Schnäppchen machen.

Zeit zu schlemmen
 
Wer jetzt Lust auf Kaffee und ein paar Leckereien hat, dem empfehle ich „Dean and Deluca“. Dort findet man eine große Auswahl an frischem und leckerem Essen. Wenn man jedoch sein Tagesbudget schon beim Shoppen deutlich überschritten hat oder einfach nicht so viel ausgeben möchte, wird man auch im „Café Duke“ glücklich. Hier gibt es ein Buffet mit einer ziemlich großen Auswahl an Salaten, Sushi, Udon Noodles und vielem mehr. Für den Nachtisch laufe ich immer gern die paar Blocks zu „Baked By Melissa“, denn dort gibt es winzige Cupcakes, die einfach himmlisch schmecken. Genau damit sollte man in SoHo seine Zeit verbringen: mit Shopping, Kaffee und Cupcakes.

Und wo sind jetzt die progressiven Männer?

All die bisher erwähnten Gegenden sind zwar sehr offen und liberal, aber wenn man ein Viertel sucht, das von gleichgeschlechtlich orientierten Männern so dominiert wird wie LA, fährt man nach Chelsea. Die Dichte an Kerlen ist hier extrem.

Alle sind unglaublich gut gekleidet, gepflegt und gebaut, und der Großteil trägt entweder eine Sporttasche oder ein Hündchen spazieren. Und auch wenn die Gegend dazu einlädt, gibt es außer Leute beobachten doch noch einige andere Dinge zu tun.

Zunächst mal geht ihr am besten in die Kunstgalerie in den Milk Studios, in attraktiver Lage direkt am Fluss gelegen, deren Fotoausstellungen immer sehenswert sind. Während der Fashion Week finden hier Modeschauen und die eine oder andere After-Show-Party statt. Schafft man es, sich an den Sicherheitsleuten und dem PR-Girl mit ihrer Gästeliste vorbeizumogeln, erwartet einen drinnen eine Menge Spaß, vor allem mit den Gratisgetränken an der gut bestückten „Open Bar“.

Zum Mittagessen muss man nur ein paar Schritte weiter auf den direkt neben den Milk Studios gelegenen Chelsea Market gehen – ein wahrer Tempel der Esskultur. Die Auswahl ist riesig und die Preise moderat, vor allem verglichen mit den Restaurantpreisen in Chelsea. Den Lunch aber nicht direkt auf dem Markt verzehren, da gibt es einen weitaus schöneren Platz. Direkt neben dem Markt und den Milk Studios ist der Highline Park, ein auf ehemaligen Eisenbahngleisen errichteter Grünstreifen hoch über der Straße. Nehmt also Sushi, Wraps, Salat, Cookies und genießt sie dort oben samt Sonne und Ausblick. An einem schönen Tag kann man von hier aus sogar die Freiheitsstatue sehen.

Feeling dirty?
 
Nachdem ihr die Seele habt baumeln lassen, könnte man doch Lust auf etwas verruchtere Freuden bekommen. Unicorn, Blue Store und Rainbow Station sind drei Läden in Chelsea, die ihr euch unbedingt anschauen solltet. Sie sind alle für eine schwule Klientel und liegen bequem direkt nebeneinander. Für die Europäer unter euch klingt das vielleicht nicht so aufregend, aber glaubt mir, es ist nicht einfach, gute Sexshops in Amerika zu finden. Und hier gibt es mit Sicherheit alles, was das Herz begehrt: Dildos, Clips, Gleitmittel, Kondome, DVDs, Masken, Fäuste und vieles mehr. Und natürlich kann man hier auch Sex haben, dafür sind die Videokabinen im Unicorn da.

Und auf dem Heimweg könntet ihr noch eben mit euren mit Dildos gefüllten Einkaufstaschen in Mark Jacobs’ Buchladen mit dem einfallsreichen Namen Bookmarc haltmachen. Dort findet man dekorative Fotobände für den Couchtisch, Bleistifte und vieles mehr, alles designt von Marc Jacobs.

Ab auf die Tanzfläche
 
Das Nachtleben in New York ist genauso überwältigend und wettbewerbsorientiert wie die ganze Stadt. Das Bar- und Clubangebot ist endlos, und natürlich habe ich sie nicht alle getestet, aber lasst es mich so sagen: Ich komme herum.

Wer auf schicke Clubs mit Dresscode steht, der bleibt am besten in Chelsea und dort speziell in meatpacking District wo die großen und teuren Clubs beheimatet sind. Die Regeln sind ähnlich wie in allen großen Städten der Welt. Hat man eine persönliche Einladung von einem der Promoter, steht auf einer Gästeliste oder kennt jemanden Wichtigen, kommt man ganz einfach überall rein. Für die anderen gilt: Entweder ihr seht aus wie ein vom Himmel gefallener Engel oder ihr stellt euch hinten an. Ich persönlich habe etwas gegen „Lines“  (ja, das Wortspiel war beabsichtigt), aber für Clubs wie das „Le Bain“ im Standard Hotel oder das „Greenhouse“ lohnt sich das Warten. Leider kosten die meisten Clubs für Nichtprivilegierte auch noch Eintritt, und Vorsicht, das hier ist New York. Man kann also mit bis zu 20 Dollar rechnen, nur um reinzukommen. Bei der riesigen Auswahl, die es hier gibt, muss das aber eigentlich nicht sein. Man kann auch einfach ins East Village gehen, wo die Bardichte der Legende nach angeblich die höchste der Stadt, wenn nicht der Welt ist. Diese Behauptung kann ich an dieser Stelle leider nicht mit Zahlen belegen, aber man findet hier tatsächlich vier Bars an jeder Ecke. Ich persönlich ziehe Bars auch Clubs vor. Sie sind billiger, persönlicher, nicht so prätentiös und oft voller Einheimischer. Für jeden Musikgeschmack gibt es hier eine eigene Auswahl an Bars, und da das East Village nun mal sehr gayorientiert ist, hat man hier auch sicher keine Schwierigkeiten, Gleichgesinnte zu finden.

Eins müsst ihr mir aber versprechen! Dass ihr New York nicht verlasst, ohne im LIT gewesen zu sein. Hand aufs Herz, ich werde nicht dafür bezahlt, dass ich das hier sage, ich liebe den Laden einfach. Die Leute dort sind genauso vielseitig wie die Musik, und die ist außerdem noch umwerfend vielseitig; sie spielen wirklich alles. Im hinteren Teil der Bar befindet sich eine Galerie, aber das Highlight sind Bar und Tanzfläche im Keller, der stark an eine Crackhöhle erinnert. Außerdem sind die Drinks unschlagbar billig und hochprozentig, ihr versteht also, warum ihr dort unbedingt hinmüsst.

Nur ein paar Straßen weiter, ganz in der Nähe meiner ehemaligen Wohnung, finden sich noch zwei weitere Empfehlungen, der Boiler Room und die Sun Burnt Cow.

Der Boiler Room ist eine sehr traditionelle Gay-Bar und gilt als Institution. In die Sun Burnt Cow geht man am besten, wenn man vorhat, viel zu trinken. Lasst es nicht den Bürgermeister wissen, denn es ist ein Geheimnis, aber hier gibt es ein „Zahl $20 und trink zwei Stunden lang so viel du kannst“-Special, das eine lustige Nacht garantiert.

Und wenn ihr dann bis zum Morgengrauen durchgehalten habt, kehrt auf jeden Fall zum Frühstück in den Coffeeshop „The Bean“ ein, einen jener Orte, in die man sich sofort verliebt. Die Atmosphäre ist entspannt, die Snickers Muffins sind göttlich und außerdem gibt es kostenloses WLAN.

Brooklyn Update: Hier sind zwei Clubs, die ihr unbedingt besuchen solltet. Das „Sugarland“ scheint im Nirgendwo zu liegen, und es herrscht die Art von Warehouse-Stil vor, den die Bobos und Hipsters so lieben. Die Musik ist mit den obligatorischen stündlichen Britney-Einlagen sehr poplastig.
Im „Cove“ ist der Eintritt frei, die Bar sehr lang, die Tanzfläche klein und der Spaßfaktor extrem hoch. Weiterzuziehen ist von hier aus kein Problem, weil es mitten in Williamsburg liegt, wo man einfach nur zur Tür hinausgeht und direkt in der nächsten Bar ist.

Zeit zum Ausruhen
 
Da stellt sich die dringende Frage, wo man als Besucher in New York am besten unterkommt. Es ist ja kein Geheimnis, dass hier alles teuer ist, und Hotels bilden da keine Ausnahme. Wenn Geld keine Rolle spielt, checkt im Standard oder Dream Hotel ein. Es kostet zwar ein Vermögen, aber ihr werdet es nicht bereuen. Wer sein Geld lieber für die wirklich wichtigen Dinge im Leben ausgibt (Schuhe zum Beispiel), nimmt sich ein Zimmer im Sohotel. Das ist ziemlich günstig, die Zimmer sind hübsch und für New Yorker Verhältnisse auch groß (vor allem die Badezimmer). Man sollte jedoch nicht vergessen, dass man nicht besonders viel Zeit im Hotel verbringen wird. Alles, was ihr benötigt, ist ein sauberes Bett und eine Dusche. Sehr viel wichtiger ist dagegen die Lage, also Finger weg von Midtown oder Uptown, denn alles, was Spaß macht, befindet sich in Lower Manhattan.

Meine Empfehlungen umfassen natürlich nur einen Bruchteil dessen, was ich euch empfehlen könnte. In einer Stadt wie New York ist es leider unmöglich, während eines einzigen Aufenthalts alles zu sehen. Die einzige Lösung ist, so oft wie möglich wiederzukommen. Denn ich weiß, dass ihr wisst, dass ihr diese Stadt lieben werdet.
 
FACT BOX - NEW YORK CITY
 
Shops on Broadway
Broadway zwischen W Houston & Canal Street

Apple Store
103 Prince Street, NY 10012

Ash
44 Mercer Street, NY 10013

3.1 Philip Lim
115 Mercer Street, NY 10012

Adidas
SLVR 108 Wooster Street, NY 10012

Alexander Wang
103 Grand Street, NY 10013

Patricia Fields
302 Bowery, NY 10012

Dean and Deluca
(Supermarkt/Café)
560 Broadway, NY 10012

Café Duke (Restaurant)
545 Broadway, NY 10012

Baked By Melissa (ein Must)
529 Broadway, NY 10012
 
Beacon's Closet
88 N 11th St Brooklyn, NY 11249
www.beaconscloset.com
 
Milk Studios (ein Must)
450 West 15th Street, NY 10011
www.milkstudios.com
 
Chelsea Market
(Markt/Restaurants/Cafés)
75 9th Avenue, NY 10011
www.chelseamarket.com
Highline (ein Must)
10th Avenue and W 14th, NY 10014
www.thehighline.org
Unicorn (ein Must)
277 W 22nd Street, NY 10011
 
The Blue Store (ein Must)
206 8th Avenue, NY 10011
 
Rainbow Station (ein Must)
207 8th Avenue, NY 10011
 
Bookmarc (ein Must)
400 Bleecker Street, NY 10014
www.marcjacobs.com/gifts-and-special-items/bookmarc/
 
Le Bain (Club - schwulenfreundlich)
848 Washington Street, NY 10014
www.standardculture.com/tagged/le_bain
 
Greenhouse
(Club - schwulenfreundlich)
150 Varick Street, NY 10013
www.greenhouseusa.com
 
LIT (Bar - schwulenfreundlich)
93 2nd Avenue, NY 10003
www.litloungenyc.com
 
Boiler Room (Gay Bar)
86 East 4th Street, NY 10003
www.boilerroomnyc.com
 
Sun Burnt Cow
(Bar - schwulenfreundlich)
137 Avenue C, NY 10009
www.thesunburntcow.com
 
The Bean (Café)
54 2nd Avenue, NY 10003
www.thebeannyc.com
 
Sugarland (Gay Club)
221 N 9th Street, Brooklyn, NY 11211
The Cove (Club -  heterofreundlich)
106 N 6th Street, Brooklyn, NY 11211
www.thecovenyc.com
 
Dream Hotel
355 West 16th Street, NY 10011
www.dreamdowntown.com
 
Sohotel
341 Broome Street, NY 10013
www.thesohotel.com
 
Southside (Club schwulenfreundlich)
1 Cleveland Place, NY 10012
www.nycsouthside.com


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