Die Chaosmuse

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Die Chaosmuse

Wie Jackie Kennedys Messie-Cousine zur Mode-Ikone wurde

 
TEXT: Astrid Nolte
BILDER NEU: HBO
STILLS: Maysles Films, Inc.
 
Uns Menschen fasziniert der Verfall. Und wie sehr tut er das erst recht, wenn er auch Schönheit hervorbringt? Denn das trifft auf die Geschichte von „Little Edie" Beale, der Cousine von Jackie Kennedy, zu. Sie folgte ihrer Mutter aus dem komfortablen Ambiente der amerikanischen Oberschicht in die Isolation und Verwahrlosung. Und dennoch gelang es ihr am Ende, der Haute Couture dauerhaft ihren Stempel aufzudrücken.

Die Entdeckung zweier merkwürdiger Damen
 
Es liegt etwas Poetisches in Wahnsinn und Verfall; sie sind wie ein Knoten im Stoff des Lebens. Als Albert und David Maysles sich 1975 entschlossen, mithilfe des „Direct Cinema-Ansatzes" den Dokumentarfilm Grey Gardens über das Leben von Edith Bouvier Beale und ihrer Tochter „Little Edie" zu drehen, wollten sie lediglich die exzentrischen und zurückgezogen lebenden Mitglieder einer bemerkenswerten und bekannten amerikanischen Familie porträtieren. Die Besessenheit, die sie mit ihrem Film auslösten, sollte jedoch fast vier Jahrzehnte überdauern, und dies hatte vor allem mit Little Edies außergewöhnlichem Sinn für Mode zu tun.
 
Als Mitglied der angesehenen Bouvier-Familie und Cousine ersten Grades von Jacqueline Kennedy begann die Debütantin Edie Beale ihr gesellschaftliches Leben in New York als aufstrebende Schauspielerin und Model an der Seite einiger der begehrtesten Junggesellen der Stadt. Im Alter von 35 kehrte sie jedoch dem Glamourleben den Rücken und zog zu ihrer Mutter „Big Edie" nach East Hampton, wohin sich diese zurückgezogen hatte, seit ihr Mann sie verlassen hatte. So begann ihr gemeinsamer langsamer Abstieg in die Einsamkeit, Verwahrlosung und Armut. Schon 1971 drohte das örtliche Gesundheitsamt, das Haus auf die Abrissliste und die beiden Damen vor die Tür zu setzen, was sofort einen Skandal in der Klatschpresse zur Folge hatte. Jackie Kennedy reiste persönlich an, entfernte den Müll und setzte sich für ihre Verwandten ein, damit sie ihr Haus behalten durften; jedoch gelang es ihr nicht, die Verwahrlosung der beiden Damen aufzuhalten. Und inmitten all des Chaos und der Unordnung war Little Edie damit beschäftigt, Mode zu entwerfen.
 
Die Anti-Jackie

Denn für Little Edie war jeder Tag ein Tag auf dem Catwalk. Und das ist wörtlich zu verstehen, denn wo sie ging und stand, waren Katzen, dutzende von ihnen waren es über die Jahre geworden. Hinzu kamen Waschbären, Beutelratten und unzählige Flöhe. Überall lag Tierkot herum und der Geruch von Katzenpisse war allgegenwärtig. 
 
In dem Moment, in dem Little Edie vor der Kamera erscheint, vergisst der Zuschauer jedoch sofort das ganze Chaos. Auch in ihren Fünfzigern ist Edie noch eine auffallend attraktive Frau. Mit verspielter Eleganz posiert sie für die Kamera und führt ihre verschrobenen Modeensembles vor, einige davon abgelegte Stücke ihrer Cousine Jackie.
 
Für ihr Publikum, das meist nur aus ihrer ans Bett gefesselten Mutter besteht, putzt sie sich heraus, stolziert herum, tanzt und dreht sich im Kreis. Sie wechselt ihre Outfits stündlich, zieht sich Kaschmirpullis straff über das Gesicht, verknotet sie kunstvoll im Rücken und verschönert sie mit Broschen. Sie schneidet Stücke aus Stoff zurecht und befestigt sie an Röcken, die sie dann wiederum über Hosen oder als Capes trägt, zieht ihre Röcke verkehrtherum an und verwandelt Strumpfhosen in Sarongs. „Ich muss mir diese Dinge ausdenken, wissen Sie", erklärt sie der Kameracrew, halb stolz, halb ängstlich. Und dank des Films der Maysles sollte sie dies in Zukunft nicht mehr unbemerkt tun.

Von der Kultfigur zur Mode-Ikone: Little Edie Mania
 
Little Edies Einfluss in der Modewelt erreichte jedoch erst 2006, nach mehreren Jahrzehnten als Ikone des Underground, seinen Höhepunkt, als die New Yorker Daily News Marc Jacobs' Herbstkollektion folgendermaßen beschrieb: „Viel Wolle und Kaschmir, Chiffon und Pailletten, so wie auch Edie sie tragen würde, als nicht zueinanderpassende Schichten aus Leggings, Röcken, Mänteln und Fellen" (www.nydailynews.com, 2009).
 
Auch Izaak Mizrahi hat sich stark von ihrem Ideenreichtum inspirieren lassen und beschreibt ihr Modeverständnis mit den Worten: „Edie Beales Look ist nicht einfach nur Mode; er spiegelt die wahre Bedeutung des Wortes ‚Stil' wider. Sie hatte ein leidenschaftliches Interesse an Kleidung, und ihre Art, die einzelnen Stücke miteinander zu kombinieren, hat sich mir eingeprägt und mich in meiner Arbeit beeinflusst. Die Tatsache, dass wir heute absichtlich Fehler machen, verdanken wir Edie Beale. Und ich versuche ihr noch immer dauernd zu entsprechen: ihrem Verständnis für die Bedeutung von Absurdität, ihrer Verspieltheit und ihrem Verständnis dafür, dass Mode dramatisch sein muss" (a.a.o).
 
Ihre Entwürfe haben außerdem Calvin Klein, Todd Oldham, John Bartlett, Nick Verreros und die Olsen Twins inspiriert, deren eklektischer Mix-and-match-Stil eine Verbeugung vor Edies  Arbeit darstellt. Und auch außerhalb der Modewelt hat Little Edie Beachtung gefunden. 2006 entstand ein Broadway-Musical basierend auf Grey Gardens, und der Fernsehsender HBO drehte 2009 einen gleichnamigen Film mit Drew Barrymore in der Hauptrolle, für die sie den Golden Globe bekam. Die Schauspielerin beschrieb danach Little Edie mit den zärtlichen und bewundernden Worten: „Ein außergewöhnlicher, verletzter Vogel mit unglaublichen Federn." (www.theerrantaesthete.com, 2009)

Aber ist das nicht Ausbeutung?

Der Film der Gebrüder Maysles wurde jedoch auch kritisiert, und einige Leute beschuldigten die Filmemacher, die bedauernswerte Situation der beiden Frauen und ihren zweifelhaften geistigen Zustand ausgenutzt zu haben. Schon früh im Film wird deutlich, dass es den Beale-Damen nicht wirklich gut geht, aber die tragischen Elemente verblassten in der Folge meist vor dem Hintergrund des aus dem Film entstandenen Hype und der Mini-Industrie, die sich um die beiden bildete.
 
Der Psychiater Harry Karlinsky schrieb über den Film: „Die Hauptkontroverse in Bezug auf Grey Gardens dreht sich darum, ob man ihn als untersuchend oder ausbeuterisch betrachten sollte", mit anderen Worten, ob er einen Nutzen aus der Krankheit der beiden Frauen zieht. Karlinksy schlussfolgerte jedoch, dass, auch wenn Little Edie einige unverwechselbare Anzeichen einer schizotypischen Persönlichkeitsstörung an den Tag legte, die Ursache hinter den sehr ungewöhnlichen Zuständen in Grey Gardens im Dunkeln bleibt. Er beschreibt das Filmporträt als eher mitfühlend denn als herablassend und weist außerdem darauf hin, dass Mutter und Tochter selbst die Maysles eingeladen hatten, um von ihnen gefilmt zu werden. Den beiden Damen schien die Aufmerksamkeit zu gefallen. Der Zuschauer bekommt nicht den Eindruck, sie hätten nicht mehr alle beisammen, während er sie dabei beobachtet, wie sie ihre leicht verschrobenen Dialoge führen. Jeder wäre ein Zitat wert. Noch heute werden sie von Fans auf YouTube nachgespielt.
 
Nichtsdestotrotz würde Karlinsky den Beale-Damen keine vollkommene geistige Gesundheit attestieren. Er beschreibt die Situation der beiden vielmehr als „eine dysfunktionale Mutter-Tochter-Beziehung, die von gegenseitiger Abhängigkeit geprägt ist." 
 
Dank des Familienvermögens waren die Beales zwar stets finanziell abgesichert, was jedoch nicht bedeutete, dass sie voreinander sicher waren. Und so beobachtet man Little Edie nicht selten bei endlosen Dialogen mit ihrer oft verächtlichen und hämischen Mutter.

Auf dem schmalen Grat zwischen Freiheit und Scheitern

Das Thema Freiheit, oder vielmehr ihr Nichtvorhandensein, steht im Mittelpunkt vieler Auseinandersetzungen zwischen Big Edie und Little Edie, wenn sie sich, manchmal bösartig, gegenseitig die Schuld an Little Edies Scheitern, ein unabhängiges Leben zu führen, zuschieben. Es wird nie ganz klar, wer oder was für ihre Rückkehr nach Grey Gardens verantwortlich gewesen ist.
 
In einer Szene schaut Big Edie einer Katze dabei zu, wie sie hinter ein Familienporträt pisst, lacht und bemerkt: „Na, wenigstens eine hier macht das, was sie möchte." Ihr Lachen kommt ganz unerwartet, und der schwere Deckel der Konventionen, der auf allem zu lasten scheint, wird so auf amüsante Weise angehoben. Gleichzeitig ist die Bemerkung jedoch auch ein Seitenhieb gegen Little Edie, die ihre Mutter wiederholt beschuldigt hat, sie nicht das tun zu lassen, was sie will. In einer anderen Situation gesteht Big Edie, dass sie immer dagegen war, dass ihre Tochter heiratet, und sagt: „Ich wollte nicht, dass meine Tochter mich verlässt. Dann wäre ich ganz allein." 
 
Zumindest in Bezug auf Mode scheint Big Edie ihrer Tochter immer alle Freiheit gelassen zu haben. Und Little Edies Kreationen scheinen auch nicht nur zufällige Resultate wahllosen Experimentierens oder ihrer Geisteskrankheit gewesen zu sein, auch wenn ihre Turbane vor allem dazu dienten, ihren Haarausfall zu verbergen und die Häufigkeit, mit der sie ihre Garderobe wechselte, doch eher ungewöhnlich war. Alex Jaeger, Stylist bei der Broadway-Inszenierung von Grey Gardens, erklärt: „Ihr Modeverständnis entstammte einem tiefen Bedürfnis nach Kreativität. Und sie war umwerfend kreativ. Diese Outfits, sie machte sie aus allem, was sie gerade zur Verfügung hatte. So merkwürdig sie gewesen sein mögen, sie hat sorgfältig darüber nachgedacht." (www.washingtonpost.com, 2008)

Wiederentdeckt als "Recessionista"

Die jüngste Welle der Begeisterung für Little Edie zeigt auch ihre Bedeutung in Zeiten der Rezession, spiegelt ihre Geschichte doch „die Zeiten, in denen wir leben, wider, voll von sofortiger Berühmtheit, flüchtigem Glück, dem Verlust von Vermögen von einem Tag auf den anderen, Exzessen, Privilegien und hohen Ansprüchen, die plötzlicher Verzweiflung und Ruin Platz machen" (www.errantaesthete.com, 2009).
 
Aufgrund ihrer Fähigkeit, dem Geld mit ihrer Kreativität, ihrer Lebendigkeit und ihrem Einfallsreichtum ein Schnippchen zu schlagen, bezeichnet Sadie Stein Little Edie als „echte Recessionista" und verkündet, dass jetzt „Little Edies Moment gekommen ist, weil sie uns daran erinnert, wie erlösend Mode sein kann und wie wenig sie mit Frivolität zu tun hat" (www.jezebel.com, 2008).
 
Die Faszination an Little Edie Beale scheint kein Ende nehmen zu wollen. Mehr als 35 Jahre nachdem sie und ihre Mutter ins Rampenlicht gezerrt wurden, trifft ihre Geschichte noch immer einen Nerv, und ihre Mode inspiriert uns weiterhin. 
 
Und nach einem kurzen Blick auf diese beiden Leben, beide gleichermaßen privilegiert wie verflucht, kann man nicht umhin, sich zu fragen, ob die Begabung, aus etwas Altem etwas komplett Neues zu erfinden, indem man es verdreht, verknotet oder neu zusammenfügt, nicht in uns allen schlummert. Genau wie das Talent, sehr, sehr unordentlich zu sein. 
 

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