Charlie Ballard über das Leben als schwuler Indianer-Kabarettist.
„Die Situation der sogenannten Native Americans oder auch ‚American Indians' in den USA ist sehr schwer zusammenzufassen, da es sehr viele verschiedene Völker gibt und jedes seine eigenen Probleme hat", sagt Ballard. Die Mehrheit der Indianer lebt auch weiterhin in der Nähe oder direkt in den insgesamt 250 Reservaten der USA. Viele „American Indians" wohnen jedoch schon in großen Städten, wie auch Charlie Ballard, der selbst in Kalifornien aufgewachsen ist.
Indianer sein heißt arm sein
In allen Fällen ist die sozio-ökonomische Situation der Indianer aber ernüchternd. So liegt das durchschnittliche Jahreseinkommen von indianischen Haushalten fast 50 Prozent unter dem US-Durchschnitt. Indianer gehören weiterhin zu der Bevölkerungsgruppe mit dem schlechtesten Gesundheitszustand, wobei vor allem Alkoholmissbrauch, einseitige bzw. Mangelernährung und schlechte Krankenversorgung zu den wichtigsten Ursachen zählen. Durch die Nichtanerkennung ihrer indigenen Rechte sowie ihre eingeschränkte Selbstbestimmung sind sie oft auf die Sozialleistungen des Staates angewiesen, was ihnen in der Mehrheitsgesellschaft oft den Ruf als „Sozialschmarotzer" einbringt.
Auch Charlie Ballard spricht dieses Thema an und meint, dass die meisten Menschen gar nichts über die Beziehung zwischen Indigenen und der US-Regierung wüssten. Ignoranz und Vorurteile über Indianer seien durch fehlerhafte Geschichtsbücher oder das, was die Menschen im Film und Fernsehen über sie sähen, geprägt.
Das Unverständnis der Gesellschaft gegenüber den indianischen Kulturen zeige sich in den letzten Jahrzehnten auch häufig bei den sogenannten sacred sites: traditionellen, heiligen Stätten, auf die bei Bauprojekten oft keine Rücksicht genommen werde.
„Gerade ist das wieder aktuell in Vallejo, Kalifornien, wo ein riesiger Freizeitpark auf einem heiligen indigenen Bestattungsplatz errichtet werden soll. Die Leute interessieren sich nicht für unser Land oder unsere traditionellen Lebensweisen. Wenn die Einwohner diesen Vergnügungspark so dringend wollen, dann sollen sie diesen doch gefälligst auf ihrem eigenen Friedhof bauen und ihre eigenen Gräber umgraben, um dort einen Spielplatz zu errichten!"
Frühes Outing
Eine indigene Abstammung zu haben bedeutet für ihn vor allem, nicht nur an sich selbst zu denken, sondern im täglichen Leben auch immer das Wohlergehen der ganzen indianischen Gemeinschaft im Blick zu haben. So gehören zu seinen Vorbildern vor allem auch jene starken weiblichen indianischen Aktivistinnen, die sich um alle Geschlechter und zukünftige Generationen sorgen. „Ich habe das Glück, einige solcher indigenen Führerinnen zu kennen, und versuche, deren Beispiel zu folgen. Wir haben immer noch einige alte traditionelle Mitglieder, die unsere Kulturen und Werte über ein fürsorgliches, friedliches Miteinander an jüngere Generationen weitergeben, sonst wären wir verloren."
Zu seiner Homosexualität hat sich Charlie Ballard schon sehr früh bekannt. „Ich habe immer schon gewusst, dass ich mich mehr zum gleichen Geschlecht hingezogen fühle. Meine Eltern haben es schon sehr früh durch mein feminines Verhalten gemerkt. Ich bin einfach für die Akzeptanz meiner Eltern sehr dankbar und dass ich eine Chance bekam, mein Leben so zu leben, wie ich es möchte. Natürlich gab es auch Familienmitglieder, die nicht gerade begeistert waren, aber mit Zeit und Verständnis hat sich das gelegt."
„Meinen Platz als schwuler Indigener habe ich aber erst gefunden, als ich ins Internat kam und dort viele Gleichgesinnte von vielen verschiedenen Stämmen kennengelernt habe, die mir ein stärkeres Gefühl für einen Sinn oder Zweck im Leben gaben. Am kritischsten sind jedoch jene Indianer, die am stärksten christianisiert wurden."
„Auf jeden Fall glaube ich, dass es die heutige ‚Two-Spirit'-Generation durch das Internet und Social Networking einfacher hat als frühere. Sie stehen immer noch denselben Problemen und Herausforderungen wie Homophobie, Sexismus oder Hass gegenüber, doch können sie auf eine viel größere Community zurückgreifen - einen Mausklick entfernt."
„Meine Homosexualität hat mir als Stand-up-Comedian noch nicht geschadet, eher meine Angewohnheit, oft vulgär, direkt und kompromisslos aufzutreten. Das nehme ich jedoch in Kauf, da ich ganz offen und mit ehrlichem Herzen die Leute ansprechen und unterhalten möchte. Ich möchte später als lustig in Erinnerung bleiben, egal, wie ich oder andere mich labeln."
Am Ende noch seine liebste Pointe? „Die habe ich nicht, da ich nie wirklich zufrieden bin mit dem, was ich schreibe oder mir einfällt, aber ich kann euch das eine sagen: I do love a good dick joke, obviously...!"
Hard Facts:
Name: Charlie Ballard
Alter: 37
Wohnort: Oakland, Kalifornien.
Ethnizität: Anishnabe of Michigan and Sac & Fox of Oklahoma
Beruf: Stand-up-Comedian
Beziehungsstatus: Single

























