Sex ist Privatsache

Vangardist
Sex ist Privatsache

Die MILK-Messe und der Backlash: verunsicherte Heteros, Missverständnisse und das altbekannte Schweigen.

 
KOMMENTAR: Ejo Eckerle
FOTOS: Florian Wurzer
 

 
Schon mal von Ulrich Köstlin gehört? Der Mann ist ziemlich einsam. Er ist der einzige Spitzenmanager eines deutschen DAX-Konzerns, Mitglied des Vorstands der Bayer Schering AG, der sich als schwul geoutet hat. Natürlich ist er im wahren Leben überhaupt nicht einsam, sondern lebt in einer eingetragenen Partnerschaft. Nachzulesen ist dieser kleine Hinweis zum Personenstand des Pharmamanagers in seiner Vita, die er auf der offiziellen Homepage des Unternehmens veröffentlicht hat. Begründet hat er den Schritt, sein privates Leben öffentlich zu machen, so: „Wenn ich offen dazu stehe, bin ich auch als Führungskraft authentischer und besser." 
 
Im Mai fand in Berlin die Karrieremesse MILK statt. Ein Karrieremarktplatz für Lesben, Schwule und Heteros, auf dem sich renommierte Unternehmen, darunter Google, die Deutsche Post AG oder auch die Deutsche Bank, präsentierten. Natürlich war auch VANGARDIST als innovatives Medienunternehmen auf dieser Leistungsschau präsent.
 
Das Nachrichten-Portal Spiegel Online berichtete darüber  und eröffnete einen Diskussionsthread unter seinem Artikel. Das Ergebnis ist – aus emanzipatorischer Sicht – erschütternd. Knapp zwei Drittel der Kommentatoren lieferten ihren Frust, ihre Vorurteile und Häme ab: über Schwule in der Arbeitswelt, der Gesellschaft. Und überhaupt, was stellen die sich bitte so an? Hier einige Auszüge aus den Kommentaren:
 
„Die Schwulen sind ja selbst schuld, wenn sie sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit outen wollen.“

„... aber wir wissen ja alle: Frauen sind die besseren Menschen und Schwule die besseren Männer ...“ 

„Schwul sein ist ja gerade in, und scheinbar schon eine Möglichkeit Karriere zu machen, ohne das Mann/Frau über die entsprechende Qualifikation verfügt.“
 
Und so weiter und so dumpf. Die Tiraden setzen sich in mehr als 100 Postings der Spiegel-Leser fort. Da wird sich auch nicht gescheut, den alten Hut von „Sexualität ist Privatsache“ und das stramme Bekenntnis „Ich trage als Hetero meine Sexualität ja auch nicht vor mir her“ hervorzukramen. Eine Ansammlung von Missverständnissen, die völlig außer Acht lässt, dass jeder Heterosexuelle ständig ungefragt private Statements liefert. Nämlich dann, wenn er im Kollegenkreis von Frau und Kindern berichtet, seine Urlaubsfotos mit der Liebsten herumzeigt, oder das Bild der Freundin im Silberrahmen auf den Schreibtisch stellt. 
 
Ein böser Verdacht stellt sich ein: Solange offen lebende Schwule und Lesben sich auf weniger prestigeträchtige Jobs wie Floristen, Flugbegleiter oder KrankenpflegerIn beschränken, oder sich in der Nische des Kulturbetriebes sammeln, nimmt man ihnen Karrierestreben wenig übel. Aber wenn es plötzlich um die „richtigen“ Jobs geht, die es zu verteilen gilt, fühlen sich heterosexuelle Männer auf einmal bedroht. Ist das der Preis der Offenbarung? Der grimmige alte Mann der US-amerikanischen Schwulenbewegung und Aidsaktivist Larry Kramer glaubt, dass in den USA die Homophobie proportional zur Befreiung der Lesben und Schwulen steigt – einfach weil sie sichtbarer geworden sind. Wenn das Resultat zunehmender Emanzipation tatsächlich ein gesellschaftlicher Backlash ist, ja ihn geradezu provoziert, dann wäre dies eine bittere Bilanz.
 
Ein schwuler Kommentator im Spiegel-Diskussionsforum zieht daraus seine Konsequenz so: „Selbstverständlich ist es angebracht, ja geradezu lebensnotwendig, in entscheidenden Situationen auch mal die Unwahrheit sagen zu können. Ich betrachte diese Tatsache als Herausforderung und sehe die ganze Angelegenheit eher spielerisch. Für Geschäftsessen nehme ich regelmäßig Begleitagenturen in Anspruch. Das hat bisher bestens funktioniert. Wenn ich alle paar Monate eine neue Freundin präsentiere juckt das keinen oder man(n) sagt einfach, dass einem die Arbeit keine Zeit für Beziehungen lässt.“ Vielleicht sollte der Mann mal mit Ulrich Köstlin reden, um zu erfahren, dass es auch anders geht. Eines scheint sicher: Es bedarf wahrscheinlich noch vieler MILK-Messen, bis Veranstaltungen wie diese überflüssig sein werden.
 

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