Buchingers Welt #31

Buchingers Welt

Vorletzte Woche versammelten in Wien Fashionistas und Modeblogger, um an der vierten Wiener Fashionweek teilzuhaben. Aus irgendeinem Grund auch ich. Die umstrittene Modewoche aus der Sicht eines Außenseiters.
 
Über mich solltet ihr wissen, dass ich mich in 90% der Fälle absolut uncool fühle. Dies ist, wie ich vermute, auf meine frühe Jugend zurückzuführen. Damals war ich ein pummeliger Nerd, der alles, was er über soziale Kontakte wusste, von seiner Sims-Familie gelernt hatte. Selbst heute, wo ich um einiges sozialer bin und gerne mal Partys besuche, habe ich das Gefühl, als würden mich die „hippen" Szene-Leute entweder gar nicht wahrnehmen, oder mich auf Partys aber mit ihren Augen anziehen, während ich spärlich bekleidet das Tanzbein schwinge. Als ich also Anfang der vergangenen Woche von Freunden eine Einladung zu einer Modenschau auf der Wiener Fashion Week erhielt, wurde ich sofort misstrauisch. Die Geste war nett, aber warum wurde ich zu einer Modenschau eingeladen? Ich betrieb weder einen Modeblog, noch war ich sonderlich „fashion forward". War dies in Wirklichkeit etwa nur ein grausamer Komplott einer Bande wilder Fashionblogger, die diesen fürchterlichen Buchinger aufgrund seiner Modesünden (z.B. Snuggies und Crocs - zeitlos!) in einen Hinterhalt locken, mit verbundenen Augen vor eine weiße Wand stellen und ihn dann mit ihren (von Sponsoren zur Verfügung gestellten) Revolvern hinrichten würden? Womöglich - aber da in der Einladung auch von einem „Brunch" die Rede war, beschloss ich, sicherheitshalber doch kurz vorbeizuschauen.

Der seit vier Jahren abgehaltenen Wiener Fashionweek wird immer wieder ihre Belanglosigkeit vorgeworfen. Aber warum? Um dies zu verdeutlichen, kann ich mit einer Geschichte aus dem Burgenland dienen (und ja, ich komme mir dabei ein bisschen wie Rose von den Golden Girls vor, wenn sie Geschichten aus St. Olaf erzählt): Eisenstadt ist hier die Landeshauptstadt, hat allerdings wirklich mehr Dorfcharakter. Als eine benachbarte Kleinstadt also die Frechheit an den Tag legte, ein Hochhaus zu bauen, konterte Eisenstadt in kesser „Das ist die erste Welt und wir haben keine größeren Probleme"-Manier und errichtete ebenfalls ein Hochhaus, welches sogar um ein paar Stockwerke höher war (ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass auf eben jenem Haus eine güldene Tafel mit der Aufschrift „HA! Wir haben jetzt auch ein Hochhaus!" angebracht ist). Die Wiener Fashionweek wird u.a. von den Medien oftmals als ein kläglicher Versuch, mit anderen Städten mithalten zu können, abgestempelt. Ob dieser Vorwurf nun berechtigt ist oder nicht, darf ich nicht entscheiden, da ich bis vor Kurzem noch dachte, Balenciaga und Baklava wären ein und dieselbe Sache.
 
Ein klein wenig besorgt, in meinen Marc-Darcy-artigen Rentier-Pulli von der Modepolizei eingebunkert zu werden, begab ich mich also an eben jenem Samstag mutterseelenallein zum Wiener Museumsquartier, dem Schauplatz der Fashionweek, und suchte verzweifelt den Eingang zum Veranstaltungs-Zelt. Schon bald erspähte ich ein junges Mädchen, das nervös umher stöckelte und in ihr Telefon brüllte, während sie mit einem Moleskine- Notizbuch herumfuchtelte. „Modebloggerin!", dachte ich mir und folgte ihr unauffällig. Und siehe da - wie die Vogelscheuche im „Zauberer von Oz" führte sie mich tatsächlich in die Smaragdstadt, bzw. das Modezelt (aber anstatt „We're off to see the Wizard" hatte ich auf unserem Weg ein selbst erfundenes Lied mit dem Titel „Brunch Brunch Brunch Brunch!" angestimmt). Ich möchte an dieser Stelle nicht oberflächlich wirken und den Eindruck erwecken, als bedürfe es nur einiger Lachsbrötchen, gratis Wein („Wie viele Gläser Wein möchtest du denn?" - „Naja...wie viele Gläser Wein haben Sie denn?") und einer schönen Show, um mich von einer Sache zu überzeugen, aber: So kritisch ich auch anfangs gewesen sein mag - sobald ich ein, zwei Runden im Zelt gedreht, und sowohl meine alten, als auch ein paar neue Freunde gefunden hatte, hatte ich allmählich großes Vergnügen am gesamten Event.

Ein aufklärender Moment ergab sich schließlich, als ich gerade mit ein paar Modebloggern Smalltalk führte. In schwebender Angst, aufgrund meiner modischen Unbeholfenheit verurteilt zu werden, versuchte ich, die Unterhaltung von Themen wie „Schnitte und Stoffe" abzubringen und mehr die Rubrik „Faszination Falafel" (ein Thema, bei dem ich mich wirklich gut auskenne) anzusteuern. Aber es war zwecklos. „Ach, ich muss heute noch zu zwei weiteren Shows", seufzte ein Modeblogger mir ins Ohr und es fiel mir schwer, Mitleid zu empfinden. Noch mehr gratis Brötchen und Goodie Bags? Die Welt war wirklich ein unfairer Ort. In einem Moment des Übermuts verdrehte ich also meine Augen und seufzte ebenfalls. „Wirklich furchtbar!", gab ich sarkastisch zurück und wurde mit einem verletzten Blick belohnt. „Weißt du, Michael, das ist mein Beruf und er ist manchmal wirklich anstrengend. Ich urteile auch nicht über dich und deine Kolumnen!". Sofort bekam ich ein schlechtes Gewissen. Ich hatte aufgrund meines Schubladendenkens den Eindruck gehabt, dass Modemenschen allesamt strenge, urteilende Richter waren. Doch allein in den letzten zwei Stunden hatten sie sich als die nettesten, offensten Menschen erwiesen, die ich je kennengelernt hatte und der einzige, der hier urteilte, war ich selbst gewesen.
 
Ich fühlte mich furchtbar. „Es tut mir leid, das war unfreundlich von mir. Die nächste Runde Weißwein geht auf mich!", verkündete ich, was im Moment wie eine noble Geste wirkte, aber eigentlich überflüssig war, da es den Wein ja gratis gab. Lachend stießen wir aufeinander an und machten uns gemächlich auf den Weg zum Laufsteg, weil bereits wenige Minuten später die Modenschau beginnen sollte. Mir fehlt der direkte Vergleich zu anderen Modewochen um sagen zu können, ob die Wiener Variante nun „belanglos" ist oder nicht. Rückblickend betrachtet hatte ich aber eine großartige Zeit auf der Wiener Fashion Week, habe mich gut unterhalten und sogar etwas fürs Leben gelernt. Hier fasste ich den Beschluss, von nun an meinen eigenen Rat zu befolgen und weniger urteilend durchs Leben zu gehen. Denn wenn ich eines von meiner Sims-Familie gelernt habe, dann das: Behandle jeden Menschen (egal, wie einschüchternd er auf dich auch wirken mag) ohne Urteil und mit deinem vollen Respekt, denn sobald du das nicht tust, wandert sein Zufriedenheits-Balken nach unten und er bepinkelt sich.
 


Wer jetzt noch Lust auf mehr Impressionen der Wiener Fashionweek hat, sollte sich unbedingt die beiden Beiträge der lieben Tamara ansehen - ihr werdet es nicht bereuen:
 
Vienna Fashion Week Spring Summer 2013 Teil 1 Â»
Vienna Fashion Week Spring Summer 2013 Teil 2 Â»

 

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