Es gibt sie, die Menschen, die aus dem Bett steigen und einfach gut aussehen. Aber zum einen ist deren Häufigkeit gering, und zum anderen ist die wörtlich interpretierte „natürliche Schönheit" auch nur ein Stil, den man selbst als geborener Beau nicht immer leben will. Darum ist das Verwenden von Haar- Gel und Wachs eine weit verbreitete Praxis unter Männern - welche den Anwendern nicht immer zum Vorteil gereicht.
Die Kulturtechnik des gepflegten Äußeren basiert auf dem Vermeiden körperlicher Wildwuchserscheinungen. Jede dahingehende Maßnahme, von der Wahl des Eau de Cologne über die Art der Rasur bis zur Länge der Fingernägel, sind unterschiedlich interpretierbare Stilfragen. Unter diesen stellt jene nach der richtigen Behandlung des Haupthaares und den dafür eingesetzten Mitteln die wohl heikelste dar. Wie bei der Wahl des Haarschnittes selbst, operiert man beim Hair Styling in einer Art Grauzone zwischen Körperpflege und Outfit, wo ein faux pas besonders viel Spott mit sich bringen kann.
Seit zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Perücke verschwunden war, gehörte es für Männer bis zum Beginn der 1970er Jahre zum stilistischen Standard, die Öffentlichkeit nur mit struktur- und formverändernden Haarpflegeprodukten zu betreten. Hand in Hand mit einem generellen Niedergang klassischer Männermode war danach etwa zwei Jahrzehnte Pause. Und dann kam das Gel. Im Kielwasser eine Yuppie-Avantgarde, die von prominenten Namen wie Hugo Boss geprägt war, schickte es sich, gemeinsam mit seiner nicht minder problematischen Unterart, dem Styling Wax, an, die komplexbehaftete Männerwelt zu knechten. Bis zum heutigen Tag.
Für all jene unter uns, für die eine Strukturveränderung des Haares unerlässlich ist, bedeutet das massive Beeinträchtigung im Alltag, in Verbindung mit dem immer wiederkehrenden Ärger über nicht eingelöste Versprechen, welche auf den bunten Verpackungen sämtlicher Gel/Wax-Produkte in geradezu hymnischer Weise gemacht werden: „Gibt Halt und Struktur", „Verklebt nicht", „Trocknet nicht aus". My ass! Hat man feines Haar, bilden sich nach der Anwendung derartiger Substanzen dicke Strähnen, welche den Blick auf die weiße Kopfhaut freigeben und entweder an Koksdealer (Gel) oder Penner (Wax) gemahnen. Bei dickem, widerborstigem Haar passiert weitestgehend nichts, egal ob „ultra strong" oder nicht. Aufgrund der meist auf Alkohol/Vaseline basierten Zusammensetzung gleicht der Zustand der Kopfhaut bei regelmäßiger Anwendung der Beschaffenheit eines japanischen Reispapier-Lampions. Zu allem Überdruss ist die Gel/Wax-Frisur ein erhebliches Handicap im Alltag: Intuitiv schreckt man vor Berührungen im Kopfbereich zurück, vermeidet es, sich anzulehnen und das zeitweilige Tragen von Kopfbedeckungen ist völlig ausgeschlossen. Der geringste physische Impact auf die Frisur zerstört diese und lässt einen Look zurück, der an einen eingetrockneten Tapetenkleisterpinsel erinnert. Ganz abgesehen von der Häme, die man von seinen Mitmenschen für die lächerliche Angst um die Gelfrisur kassiert.
Aber es gibt eine Alternative. Eine stilsichere. Eine, die alle Vorteile vereint, um die sich der frustrierte Gel/Wax-Benutzer seit jeher betrogen fühlt: Pomade. Diesen Messias unter den Stylingprodukten kannten unsere Großväter, Ur-und Ururgroßväter. Ihr Verschwinden (das der Pomade) bleibt ein Rätsel, welches erst erforscht werden muss. Niemals aufdringlich parfümiert, existiert sie in den unterschiedlichen Festigkeitsgraden, deren stärkere Vertreter selbst die wildesten Borsten in jedwede gewünschte Form bringen. Wahrhaftig! Sie bleibt immer weich und geschmeidig, ist kämmbar (sie kommt aus einer Hutträger-Ära) und darf daher auch mal grob angefasst werden. Sie kann elegant glänzen oder matt schimmern, nass oder fettig sieht sie dabei nie aus. Und wenn man die Nacht einmal unvorhergesehen in einem fremden Bett zugebracht hat, am nächsten Morgen aber einigermaßen zivilisiert vor die Türe muss, ist das auch keine Tragödie: einfach kämmen oder mit den Fingern zurecht machen - fertig. Einzig zu ihrer Entfernung bedarf es eines einigermaßen potenten Shampoos - dafür kann man getrost auch einmal den Regen aufs Haupt prasseln lassen, ohne danach auf einer öffentlichen Toilette verzweifelt an den Versuchen zu scheitern, zu retten, was zu retten ist.
Der vielleicht größte Vorteil der Pomade ist aber ein innerer, ätherisch-stilistischer Wert: Ob Gel oder Wax, so ab Mitte Zwanzig wirkt es irgendwie fehl am Platz. Etwas pubertär, wie Skateboard-Schuhe oder Baseball-Kappen. Die Pomade tut das nicht. Irgendwie ist sie anders. Vielleicht ist es auch nur ihr Nimbus des klassischen, althergebrachten, der das empfindliche Selbstvertrauen stärkt. So genau weiß man das nicht. Für frustrierte Gel/Wax-Junkies ist sie aber einen beherzten Versuch wert.
(KleG)

Oscar-Preisträger Jean Dujardin bei dem Santa Barbara Internationial Film Festival, Februar 2012
(Fotos: TheSundayBest (1), louisepalanker (2))







































